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Warum Windanzeige?

Benjamin Bachmaier, 13. März 2021


Das Thema der schnellen, genauen Windanzeige kursiert erst seit wenigen Jahren als konkrete Idee in den Köpfen vieler Segelflieger. Auch mir selber war lange Zeit nicht bewusst, wie wichtig diese Sache einmal werden sollte. Seit etwa 2016 fliege ich mit einem AirGlide-Variometer durch die Gegend, und inzwischen fühle ich mich immer ein bisschen hilflos und verloren, wenn ich doch einmal in einem Flieger sitze, der keine solche Windanzeige hat. Man gewöhnt sich schnell an das sichere Gefühl, dass der Wind keine unangenehmen Überraschungen mehr bieten kann, und wenn man es einmal erlebt hat, dann möchte man es nie wieder hergeben.

Auf meinen Flügen habe ich bereits verschiedenste Situationen erlebt, in denen die Windanzeige einen maßgeblichen Beitrag zum Erfolg oder zur Sicherheit des Fluges geleistet hat. Ein paar der Aspekte, die mir besonders helfen, habe ich in diesem Artikel zusammen gefasst.

Im Gebirge

Natürlich ist das Fliegen im Gebirge das wichtigste Einsatzfeld für eine schnelle und genaue Windanzeige. Einerseits, weil sich der Wind dort besonders oft, lokal und besonders drastisch ändern kann, aber andererseits auch, weil eben diese Windbedingungen große Chancen (für den, der sie kennt und versteht) oder auch Risiken (für den, der sie nicht kennt) mit sich bringen.


Ich erinnere mich noch, wie ich am 4. Oktober nach unserem Föhn-Wandersegelflug kurz vor der endgültig hereinziehenden Front die Endanflughöhe nach Königsdorf am Luvhang des Wilden Kaisers erkämpft habe. Der Hangaufwind war extrem schwach – nur ca. 0.3 m/s – aber wir brauchten dringend die Höhe, um durch das Mangfallgebirge nach Hause gleiten zu können. Der Endanflug begann unspektakulär. Die letzten Reste an Süd- bis Südwestwind machten keine allzu großen Probleme, auch wenn es keinen Hang mehr gab, der uns auf unserem Weg als Luv helfen könnte. Wir querten südlich an der Rotwand entlang. Ein knappes Plus stand noch auf dem Rechner. Wenn nichts schief geht, sollten wir ankommen. Endlich bogen wir nach Norden ins Tegernseer Tal ab, um an den Südhängen der Baumgartenschneid aus den Bergen heraus zu schleichen. Ich begann mich zu entspannen und ließ den Blick erneut über die Instrumente schweifen, um den Anflug auf die bewaldeten Hänge zu planen… MOMENT MAL! Bei der Querung aus dem Valepp ins Tegernseer Tal hatte der Wind unbemerkt gedreht. Von Südwest über Ost auf Nordost. Ich riss das Steuer herum und flog eine so heftige 90°-Kurve, dass mein Copilot nur „Oha“ rufen konnte. Das war knapp. Hundert Meter weiter, und wir wären im Lee der Baumgartenschneid in 5 m/s Sinken eingeflogen. Und bis wir da wieder heraus gekommen wären, wäre die Endanflughöhe definitiv weg gewesen. In respektvollem Abstand genau über der Talmitte schwenkten wir über den Tegernsee. Auch draußen im Flachland blieb der Nordostwind bestehen – ein interessantes, unerwartetes Phänomen, dem wir ohne eine hochgenaue Windanzeige gnadenlos zum Opfer gefallen wären…

Winddrehung im Tegernseer Tal

Ein anderes, besonders einprägendes Erlebnis beim Thermikfliegen habe ich im Juni 2019 in den Bergen erlebt. Im Anflug auf Zell am See gab es nichts als Probleme: Das Glemmtal sehr turbulent mit starkem Westwind, am Sausteigen musste ich mit 0.5 m/s auf 2300m steigen, um überhaupt weiter an die Schmittenhöhe queren zu können. Diese wollte auch auf keiner Seite gehen. Bald war ich auf 1400m herunter und mir fiel nichts besseres ein, als zum letzten, kläglichen Wolkenzeichen jenseits des Zeller Sees am Honigkogel zu queren. Inzwischen war ich fast auf Platzrundenhöhe von Zell am See. Auf dem Weg zur Querung bemerkte ich, wie zur Mitte des Sees hin der Nordwind sprunghaft stärker wurde, und auf der anderen Seite angekommen war er wieder fast weg. Zwar trug auch der Honigkogel nicht, aber nun hatte ich wieder einen Trumpf im Ärmel: Über dem See schien ein ungewöhnlich kräftiger, enger Strahl an Nordwind zu liegen, so dass ich darauf hoffen konnte, dass dieser ungebremst auf die Nordflanke der Hohen Tauern trifft. Ich warf mich zurück in den Nordwind-Streifen und ließ mich mit Rückenwind an den Fuß des Rettenzink treiben, wo ich wenige hundert Meter über dem Talgrund ankam. Empfangen wurde ich mit satten 3 m/s Steigen, die mich zum ersten Mal an diesem Tag über 3000 Meter hoben. Ohne die Windanzeige, die bei der Querung des Sees den entscheidenden Hinweis geliefert hatte, wäre ich an diesem Tag sicherlich in Zell am See gelandet und hätte einen später unbezahlbar schönen Flug über die Tauern und Ötztaler Alpen versäumt…

Kanalisierung bei Zell am See


Im Flachland

Auch wenn meine Motivation, eine gute Standalone-Windanzeige für den Segelflug beizutragen, natürlich auf meinen einschneidenden Erfahrungen im Gebirge beruht, freue ich mich umso mehr, dass ich auch wöchentlich E-Mails von erfahrenen Flachlandpiloten erhalte, die sich genauso auf das Gerät freuen wie ich. Viele haben mir von ihren Erlebnissen berichtet, wie sie anhand der lokal unterschiedlichen Windbedingungen den Weg in die Thermik gefunden haben – oder eben genau daran vorbei, weil sie keine Windanzeige im Cockpit hatten, die in der Lage war, diese Effekte schnell genug abzubilden. Denn die Thermik ist in der Lage, den Wind lokal sehr kräftig zu beeinflussen: Bodennah strömt die Luft horizontal in die Aufwinde hinein, oben an der Basis fließt die Luft zu den Seiten hin auseinander. Diese Strömungsfelder werden von vielen Piloten eindrücklich gespürt und beschrieben, und natürlich ist es durchaus möglich, gerade mit der von anemoi angezeigten Abweichung des aktuellen Live-Windes vom Durchschnittswind eben solche Effekte zu sehen, und damit einzelne Bärte oder tragende Linien aufzuspüren. Viele Piloten nutzen mit entsprechender Ausrüstung diese Techniken bereits mit großem Erfolg – aber was damit wirklich möglich ist, wird sich erst zeigen, wenn diese Technologie deutlich weiter verbreitet ist.

Inflow und Outflow


Zur Sicherheit

Eine Landung auf einem zuvor unbekannten Flugplatz, oder sogar eine Außenlandung auf einem Feld, erfordern vom Piloten immer ein erhöhtes Maß an „Situational Awareness“. Welche Landerichtung ist sinnvoll? Ist mit Seitenwind zu rechnen? Wie weit muss die Platzrunde ausgeflogen werden, um die Höhe richtig einzuteilen? Welche Kurven muss ich etwas früher, welche etwas später einleiten, um einen sauberen Anflug zu erhalten? Bei vielen Segelfliegern hat es sich sinnvollerweise eingebürgert, vor der Landung auf einem Feld einige Kreise zu fliegen, um den Windversatz zu beobachten und daher den Anflug zu planen. Mit einer verlässlichen Windanzeige im Cockpit wird diese Arbeitsbelastung hinfällig, so dass sich der Pilot auf andere, ebenso wichtige Aufgaben zur Vorbereitung der Landung konzentrieren kann. Im Grunde ist jede installierte Windanzeige, die auch nur im Platzrundenbetrieb genutzt wird, ein unkomplizierter und beachtlicher Sicherheitsgewinn. Unfälle wie die kürzlich auf YouTube veröffentlichte unbewusste Rückenwindlandung mit falscher Landerichtung und dafür viel zu kurzer Landeeinteilung werden auf diese Weise einfach und angenehm vermeidbar.